Was ist Wurzeleinwuchs?
Pflanzenwurzeln suchen Wasser und Nährstoffe. Eine Abwasserleitung bietet beides im Überfluss: Feuchtigkeit, Wärme und organische Stoffe. Schon ein winziger Spalt an einer Muffe, durch den Wasserdampf oder Feuchtigkeit austritt, lockt feine Wurzelspitzen an. Sie wachsen durch die Öffnung ins Rohrinnere und verzweigen sich dort im fliessenden Abwasser.
Mit der Zeit entsteht ein dichter Wurzelzopf, der den Querschnitt teilweise oder ganz ausfüllt. In der Kanal-TV-Inspektion sieht man ihn als bartartiges Geflecht an der Muffe. Bei der Schadenskodierung nach SN EN 13508-2 wird Wurzeleinwuchs als Hindernis mit Angabe des Ausmasses erfasst.
Wie gelangen Wurzeln ins Rohr?
Die Wurzeln schaffen das Loch nicht selbst, sie nutzen bestehende Schwachstellen. Typisch sind alte Leitungen aus Zement oder Steinzeug mit Mörtel- oder Teerstrickmuffen, deren Dichtungen versprödet sind. Auch ein Muffenversatz, feine Risse, schlecht eingebundene Anschlüsse und Reinigungsöffnungen mit undichtem Deckel sind Eintrittspforten.
Besonders betroffen sind Leitungen in der Nähe von Bäumen und Hecken, etwa Pappeln, Weiden, Birken oder Thujahecken, aber auch Sträucher mit flachen Wurzeln. Drainageleitungen mit ihren Schlitzen sind naturgemäss anfällig. Einmal im Rohr, wachsen die Wurzeln weiter und drücken die Verbindung zusätzlich auseinander.
Folgen von Wurzeln in der Leitung
Die erste Folge ist meist eine schleichende Verstopfung: Papier und Feststoffe verfangen sich im Wurzelgeflecht, der Abfluss wird langsamer, bis es zum Rückstau im Keller kommt. Weil die Wurzeln nachwachsen, kehrt das Problem nach einer einfachen Reinigung oft innert Monaten zurück.
Gravierender sind die baulichen Schäden. Dickere Wurzeln weiten Muffen auf, sprengen Rohre und zerstören die Bettung. Aus der Leitung tritt Abwasser in den Boden aus, umgekehrt gelangen Erde und Grundwasser ins Rohr. Bleibt Wurzeleinwuchs lange unbehandelt, ist das Rohr am Ende oft so beschädigt, dass es aufwendig saniert werden muss.
Wurzeln entfernen: Fräsen und Spülen
Feine Wurzeln lassen sich mit einer Hochdruckspülung und einer geeigneten Düse abtragen. Dichte und verholzte Wurzelzöpfe entfernt ein Fräsroboter oder ein Fräswerkzeug an der Spirale, das die Wurzeln bündig an der Rohrwand abschneidet, ohne das Rohr zu beschädigen. Die Arbeit wird mit der Kamera überwacht.
Chemische Wurzelentferner aus dem Handel sind keine gute Lösung: Sie wirken unzuverlässig, belasten das Abwasser und beseitigen die Ursache nicht. Wichtig ist, nach dem Fräsen per Kamera zu prüfen, an welchen Stellen die Wurzeln eingedrungen sind und wie stark die Rohre beschädigt sind.
Dauerhafte Lösung: Eintrittsstellen abdichten
Wer nur fräst, wird die Wurzeln wiedersehen. Dauerhaft hilft nur, die Eintrittsstellen zu schliessen. Einzelne undichte Muffen werden mit einem Kurzliner abgedichtet, bei vielen Schadstellen saniert ein durchgehender Schlauchliner die ganze Haltung. Beide Verfahren bilden eine nahtlose Innenhaut, durch die keine Wurzeln mehr wachsen können.
Bei Neupflanzungen lohnt es sich, genügend Abstand zwischen Bäumen und Leitungen einzuplanen oder Wurzelschutz einzusetzen. Liegenschaften mit grossem Baumbestand profitieren von einer regelmässigen Inspektion, damit neuer Einwuchs früh erkannt wird.
Bei einem Einfamilienhaus in Muri bei Bern staute sich das Abwasser alle paar Monate im Kellerablauf zurück. Mehrere Spülungen halfen jeweils nur kurz. Die Kamerabefahrung zeigte in der Grundleitung entlang einer alten Thujahecke vier Muffen mit dichtem Wurzeleinwuchs. Das Team fräste die Wurzeln mit dem Fräsroboter heraus und sanierte die 14 Meter lange Haltung anschliessend mit einem Schlauchliner. Seither ist die Leitung frei, und die Wurzeln haben keinen Weg mehr ins Rohr.

