Was ist eine Lüftungsleitung?
Fliesst Abwasser durch einen Fallstrang, schiebt es eine Luftsäule vor sich her und zieht hinter sich Luft nach. Kann diese Luft nicht frei nachströmen, entstehen Druckunterschiede. Die Lüftungsleitung verbindet den Fallstrang deshalb mit der Aussenluft, in der Regel indem sie den Strang in gleichem Durchmesser bis über das Dach verlängert.
Diese sogenannte Hauptlüftung ist der Normalfall. Daneben gibt es Nebenlüftungen und Umlüftungen, die zusätzliche Luftwege schaffen, etwa bei sehr hohen Gebäuden oder langen Anschlussleitungen. Welche Lösung nötig ist, bestimmen Planer nach SN EN 12056 und SN 592 000 anhand von Gebäudehöhe, Anschlüssen und Abflussmengen.
Wozu dient die Entlüftung?
Die wichtigste Aufgabe ist der Schutz der Geruchsverschlüsse. Ohne Lüftung zieht der Unterdruck eines grösseren Abflusses das Sperrwasser aus den Siphons der tiefer liegenden Abläufe. Danach steht der Weg für Kanalgase offen. Umgekehrt kann Überdruck Wasser und Luft aus den Siphons herausdrücken.
Daneben sorgt die Lüftungsleitung für einen gleichmässigen, ruhigen Abfluss und führt Gase aus der Kanalisation über Dach ab, wo sie sich verdünnen. Das ist nicht nur eine Frage des Geruchs: In Abwasser entstehen Gase wie Schwefelwasserstoff, die in höheren Konzentrationen gesundheitsschädlich sind und Leitungen und Schächte angreifen.
Belüftungsventile als Alternative
Wo eine Leitung über Dach nicht möglich ist, etwa bei Umbauten oder in Dachgeschossen, kommen Belüftungsventile zum Einsatz. Sie öffnen sich bei Unterdruck und lassen Raumluft in die Leitung, schliessen aber bei Überdruck, damit keine Gase austreten. Sie gleichen also nur den Unterdruck aus und ersetzen eine Hauptlüftung nicht in jedem Fall.
Belüftungsventile müssen zugänglich und funktionstüchtig bleiben. Verklebte oder verschmutzte Membranen sind eine häufige Ursache für Gurgeln und Geruch. Ob und wo sie zulässig sind, regeln die Normen; mindestens eine Hauptlüftung über Dach wird in der Regel weiterhin verlangt.
Anzeichen einer verstopften Lüftungsleitung
Typisch sind gurgelnde Geräusche in Lavabo, Dusche oder WC, wenn an anderer Stelle im Haus Wasser abfliesst, sowie Kanalgeruch, der zeitweise auftritt und wieder verschwindet. Auch ein auffällig langsamer Abfluss im ganzen Strang kann auf eine mangelhafte Lüftung hinweisen, obwohl die Leitung selbst frei ist.
Ursachen sind Vogelnester, Laub, Insekten, Eisbildung im Winter, eingedrückte Dachdurchführungen oder bei Umbauten abgeschnittene und verschlossene Lüftungsleitungen. In älteren Häusern wurden Strangentlüftungen bisweilen bei Dachsanierungen schlicht zugedeckt.
Prüfung und Reinigung
Eine Lüftungsleitung lässt sich von oben über die Dachöffnung oder von unten über eine Reinigungsöffnung mit Kamera befahren. So wird sichtbar, ob sie durchgängig ist, wo ein Hindernis sitzt und ob sie bei einem Umbau unterbrochen wurde. Verstopfungen werden mit Spirale oder Spülung entfernt.
Bei Dacharbeiten sollte der Dachdecker die Entlüftungsrohre kennzeichnen und nicht verschliessen. Ein Schutzgitter gegen Vögel ist sinnvoll, darf den Querschnitt aber nicht wesentlich verringern. Bei wiederkehrendem Kanalgeruch ist die Lüftung immer einer der ersten Prüfpunkte.
In einem Mehrfamilienhaus in St. Gallen beklagten sich die Mieter im Erdgeschoss über Kanalgeruch, sobald oben jemand duschte. Die Siphons waren in Ordnung. Die Befahrung des Fallstrangs von der Reinigungsöffnung im Keller aus zeigte eine freie Abwasserleitung, aber im Dachgeschoss endete die Leitung blind: Bei einem Dachausbau war die Strangentlüftung abgeschnitten und verschlossen worden. Nach der Wiederherstellung der Lüftung über Dach blieben die Siphons gefüllt, und der Geruch trat nicht mehr auf.

