Was bedeutet Scherbenbildung?
Ein Abwasserrohr kann auf verschiedene Weise beschädigt sein: mit einem feinen Haarriss, einem durchgehenden Längsriss, einem Muffenversatz oder einem Loch. Treffen mehrere Längs- und Querrisse aufeinander, wird die Rohrwand in einzelne Teile zerlegt. Diese Teile nennt man Scherben, den Schaden Scherbenbildung oder Scherbenbruch.
Im Kamerabild erkennt man ein Netz aus Rissen, das die Wand in Felder teilt. Oft sind die Kanten leicht gegeneinander verschoben, manchmal fehlen einzelne Scherben bereits, und dahinter ist Erdreich sichtbar. In der Schadenskodierung nach SN EN 13508-2 wird der Zustand als Bruch beziehungsweise Einsturz mit Angabe des Ausmasses erfasst.
Wie entsteht Scherbenbildung?
Scherbenbildung ist fast immer das Ende einer längeren Schadensgeschichte. Am Anfang stehen einzelne Risse durch Überlast, Setzungen oder Materialalterung. Durch diese Risse tritt Wasser aus oder ein und spült feines Material aus der Rohrbettung. Das Rohr verliert seine seitliche Stützung, die Belastung konzentriert sich, und weitere Risse entstehen.
Besonders anfällig sind spröde Werkstoffe wie Steinzeug, unbewehrter Beton, Zement und Faserzement, die vor Jahrzehnten verlegt wurden. Hohe Verkehrslasten bei geringer Überdeckung, Wurzeln, die Risse aufweiten, sowie Frost- und Tauzyklen in oberflächennahen Leitungen beschleunigen den Zerfall. Auch eine einmalige Überlast, etwa durch schwere Baumaschinen, kann bei einem bereits geschwächten Rohr den Ausschlag geben.
Warum der Befund dringend ist
Ein Rohr mit Scherbenbildung trägt nicht mehr selbst. Bleibt der Boden ruhig, kann es noch eine Weile halten, doch jede Störung kann die Scherben in die Leitung kippen lassen. Dann ist der Abfluss blockiert, und es kommt zu Rückstau bis ins Gebäude. Zudem tritt Abwasser in den Boden aus, was Boden und Grundwasser belastet.
Umgekehrt wird Erdreich in den Kanal gespült. Über der Leitung können Hohlräume entstehen, die sich als Absenkungen im Rasen, im Vorplatz oder im Strassenbelag bemerkbar machen. Nach der VSA-Richtlinie «Erhaltung von Kanalisationen» führt Scherbenbildung in der Regel zu einer der schlechtesten Zustandsklassen, die kurzfristigen Handlungsbedarf anzeigt.
Vorsicht bei der Reinigung
Bei einer Leitung mit Scherbenbildung ist Vorsicht geboten. Eine Hochdruckspülung mit voller Leistung oder ein schweres mechanisches Werkzeug kann lose Scherben herausreissen und den Einsturz auslösen. Erfahrene Fachleute passen darum Druck und Werkzeug an und arbeiten unter Kamerasicht.
Wer bei einer Inspektion Scherbenbildung feststellt, sollte die Leitung bis zur Sanierung schonend behandeln: keine weiteren schweren Lasten über der Leitung, keine aggressiven Reinigungsversuche und eine zeitnahe Planung der Instandsetzung.
Sanierung: grabenlos oder offen?
Ob eine Leitung mit Scherbenbildung grabenlos saniert werden kann, hängt davon ab, wie stabil die Scherben noch sind. Liegen sie weitgehend in ihrer Lage und ist der Querschnitt frei, kann ein Schlauchliner eingezogen werden. Er bildet nach dem Aushärten ein eigenständiges, tragfähiges Rohr im alten Rohr und ist nicht auf die Festigkeit der Scherben angewiesen.
Bei kurzen Schadstellen kann ein Kurzliner genügen. Sind Scherben bereits verschoben, fehlen grosse Teile oder ist das Rohr eingebrochen, kommt nur der Ersatz in offener Bauweise oder ein Verfahren wie das Berstlining in Frage. Die Entscheidung trifft man auf Grundlage der Kamerabilder; nach der Sanierung bestätigt eine Dichtheitsprüfung das Ergebnis.
Bei der Inspektion einer Liegenschaft in Zug vor einem Verkauf zeigte die Kamera in der alten Zementleitung unter der Zufahrt auf etwa zwei Metern Länge eine ausgeprägte Scherbenbildung. Darüber hatte sich der Verbundsteinbelag bereits leicht abgesenkt. Weil die Scherben noch in ihrer Lage lagen, wurde die Leitung schonend gereinigt und mit einem Schlauchliner saniert. Die Zufahrt musste nicht aufgebrochen werden, und die Dichtheitsprüfung belegte die dichte Leitung.

