Was ist ein Kanalrohr?
Als Kanalrohr bezeichnet man jedes Rohr, das Abwasser ableitet – vom Ablauf in der Küche über den Fallstrang bis zur Grundleitung unter der Bodenplatte und zum Hausanschluss an die öffentliche Kanalisation. Im Alltag werden die Begriffe Kanalrohr, Abwasserrohr und Abflussrohr meist gleichbedeutend verwendet. Fachleute sprechen eher von Abwasserrohren im Gebäude und von Kanalrohren, sobald die Leitung im Erdreich liegt.
Anders als eine Trinkwasserleitung steht ein Abwasserrohr nicht unter Druck. Das Wasser fliesst im freien Gefälle, also allein durch die Schwerkraft. Darum sind ein gleichmässiges Gefälle, glatte Innenwände und dichte Verbindungen so wichtig: Wo das Rohr durchhängt, versetzt ist oder raue Stellen hat, bleiben Feststoffe liegen, und es bilden sich Ablagerungen und Verstopfungen.
Auf dieser Seite geht es um das Rohr selbst – um Materialien, Durchmesser, Alterung und Sanierung. Welche Leitungsarten es im Haus gibt, vom Anschlussrohr bis zum Fallstrang, erklärt der Glossarbegriff Abwasserleitung.
Welche Rohrmaterialien liegen in Schweizer Liegenschaften?
Steinzeug ist gebrannter und glasierter Ton und eines der ältesten Materialien für Kanalrohre. Es ist sehr widerstandsfähig gegen Säuren und Abrieb, aber spröde. Die Schwachstelle älterer Steinzeugleitungen sind die Verbindungen: Früher wurden die Muffen mit Mörtel oder Teerstrick abgedichtet, die mit den Jahren undicht werden.
Betonrohre findet man vor allem bei grösseren Durchmessern, bei Sammelleitungen und Schächten, in älteren Liegenschaften aber auch als Grundleitung. Beton ist tragfähig und günstig, wird aber von aggressiven Gasen im Abwasser angegriffen. Asbestzementrohre – oft nach einem Markennamen «Eternitrohre» genannt – wurden in der Schweiz bis zum Asbestverbot von 1990 verbaut (mit Übergangsfristen für einzelne Produkte). Sie sind leicht und lange haltbar, dürfen aber nicht unkontrolliert gebohrt, gefräst oder gebrochen werden.
Gussrohre aus Gusseisen werden vor allem im Gebäude eingesetzt, etwa für Fallstränge und Sammelleitungen an der Kellerdecke. Sie sind schwer, schallarm und nicht brennbar, können innen aber korrodieren. Ältere Gussleitungen haben Muffen mit Stemmdichtung, neuere sind muffenlos und mit Spannschellen verbunden.
Kunststoffrohre haben die älteren Materialien in den letzten Jahrzehnten weitgehend abgelöst. PVC-Rohre sind steif, leicht und werden mit Steckmuffen und Dichtringen verbunden. PE-Rohre aus Polyethylen werden verschweisst und sind dadurch besonders dicht; in der Schweizer Gebäudeentwässerung sind sie weit verbreitet. PP-Rohre aus Polypropylen werden gesteckt und oft als schallgedämmte Hausabflussrohre eingesetzt, es gibt sie aber auch als erdverlegte Kanalrohre.
Baujahr, Material und typisches Alter
Das Baujahr einer Liegenschaft ist der beste erste Hinweis auf das Rohrmaterial. Als grobe Orientierung gilt: In Häusern, die vor etwa 1970 gebaut wurden, liegen im Erdreich häufig Steinzeug-, Beton- oder Asbestzementrohre, im Gebäude oft Guss. Ab den 1970er-Jahren kamen zunehmend Kunststoffrohre dazu, Asbestzement wurde aber noch bis 1990 verwendet. Seither bestehen neue Abwasserleitungen fast immer aus Kunststoff.
Diese Einteilung ist nur eine Faustregel. Viele Liegenschaften wurden umgebaut, erweitert oder teilweise saniert, sodass in einer Leitung mehrere Materialien hintereinander liegen – etwa eine neue PE-Leitung im Keller, die in eine alte Steinzeug-Grundleitung mündet. Gerade die Übergänge zwischen zwei Materialien sind häufig undicht oder versetzt.
Wie lange ein Kanalrohr hält, lässt sich deshalb nicht pauschal an Jahren festmachen. Entscheidend sind die Qualität der Verlegung, die Bettung im Boden, die Belastung von oben, Bäume in der Nähe und die Zusammensetzung des Abwassers. Ein sorgfältig verlegtes Steinzeugrohr kann sehr alt werden, während ein schlecht gebettetes Kunststoffrohr nach wenigen Jahren verformt ist. Verlässlich beantwortet die Frage nur eine Kamerabefahrung.
Typische Schadensbilder je Material
Bei Steinzeug sind undichte und versetzte Muffen der häufigste Befund. Durch die offenen Fugen wachsen Wurzeln ein, und Erdreich wird eingeschwemmt. Weil das Material spröde ist, entstehen bei Setzungen oder Verkehrslasten Längs- und Querrisse bis hin zur Scherbenbildung, bei der die Rohrwand in einzelne Stücke zerfallen ist.
Beton wird von innen angegriffen: Aus Schwefelwasserstoff im Abwasser entsteht über der Wasserlinie Schwefelsäure, die den Zement auflöst. Man spricht von biogener Schwefelsäurekorrosion. Die Oberfläche wird rau, Zuschlagstoffe liegen frei, und die Wand wird dünner. Dazu kommen Risse und undichte Rohrverbindungen. Asbestzement zeigt ähnliche Auswaschungen sowie Risse und Brüche; besonders heikel ist hier jede mechanische Bearbeitung, weil dabei Fasern frei werden können.
Gussrohre rosten von innen. Rost und Ablagerungen aus Kalk und Fett verengen den Querschnitt, es bilden sich Inkrustationen, und an dünnen Stellen entstehen Löcher. Kunststoffrohre korrodieren nicht, können sich aber unter Last verformen oder bei falscher Bettung durchhängen. Bei PVC- und PP-Steckmuffen rutschen Rohre auseinander oder Dichtringe verschieben sich; ältere PVC-Rohre können verspröden und reissen.
Allen Materialien gemeinsam sind Lageabweichungen, Gegengefälle und einragende Anschlüsse. Diese Schäden entstehen meist schon beim Bau oder bei späteren Arbeiten in der Nähe der Leitung und führen dazu, dass sich immer wieder an derselben Stelle Ablagerungen bilden.
Nennweite: Wie gross ist ein Abwasserrohr?
Die Grösse eines Abwasserrohrs wird als Nennweite angegeben, abgekürzt DN. Sie entspricht ungefähr dem Innendurchmesser in Millimetern. Kunststoffrohre werden im Handel oft nach dem Aussendurchmesser bezeichnet; ein PE-Rohr mit 110 mm Aussendurchmesser entspricht etwa einer Nennweite DN 100. Wer ein Rohr ersetzen oder verlängern will, muss deshalb wissen, welche Angabe gemeint ist.
Im Gebäude haben Anschlussleitungen von Lavabo, Dusche oder Spülbecken kleine Durchmesser im Bereich von rund 40 bis 56 mm. WC-Anschlüsse und Fallstränge liegen meist im Bereich von rund 90 bis 110 mm. Grundleitungen und Hausanschlüsse sind grösser; welche Mindestnennweite gilt, ergibt sich aus der Bemessung nach der Norm SN 592 000 und dem Entwässerungsreglement der Gemeinde.
Die Nennweite ist auch für die Sanierung wichtig. Ein Inliner verringert den Querschnitt um einige Millimeter, und bei kleinen Leitungen im Haus kommen nicht alle Verfahren in Frage. Vor jeder Sanierung wird die Nennweite darum bei der Kamerabefahrung gemessen und im Protokoll festgehalten.
Welches Sanierungsverfahren passt zu welchem Material?
Der Schlauchliner, auch Inliner genannt, eignet sich für fast alle Materialien – Steinzeug, Beton, Asbestzement, Guss und Kunststoff. Ein mit Harz getränkter Schlauch wird in die gereinigte Leitung eingebracht und härtet dort zu einem neuen, dichten Rohr im Rohr aus. Das alte Rohr bleibt als Hülle im Boden. Gerade bei Asbestzement ist das ein grosser Vorteil, weil das Rohr nicht ausgebaut werden muss.
Für einzelne Schäden wie einen Riss oder eine undichte Muffe genügt oft ein Kurzliner (Pointliner), der nur die schadhafte Stelle abdichtet. Leitungen mit vielen Bögen und Abzweigen, etwa Gussleitungen im Gebäude, lassen sich mit einer Beschichtung wie dem Sprayliner sanieren. Vorher werden Wurzeln, Inkrustationen und einragende Stutzen mit dem Fräsroboter entfernt.
An Grenzen stossen grabenlose Verfahren, wenn ein Rohr eingestürzt ist, starkes Gegengefälle hat oder grundsätzlich zu klein ist. Dann wird die Leitung in offener Bauweise ersetzt oder per Berstlining erneuert: Ein Berstkopf bricht das alte Rohr im Boden auf und zieht im selben Zug ein neues nach, dafür braucht es eine Start- und eine Zielgrube. Bei Asbestzement scheidet das Zerstören des Altrohrs wegen der Fasern in der Regel aus; ein Ausbau erfolgt dann nur nach den Vorgaben der Suva.
Auf Sanierungsarbeiten gibt Karo je nach Verfahren und Umfang bis zu 10 Jahre Garantie; die genaue Dauer steht in der Offerte. Welches Verfahren sinnvoll ist, entscheidet sich nach der Reinigung und der Kamerabefahrung, deren Befunde nach SN EN 13508-2 kodiert werden.
Material bestimmen: Kamerabefahrung statt Vermutung
Von aussen ist einem Kanalrohr selten anzusehen, woraus es besteht. Hinweise geben Baupläne, der Entwässerungsplan der Liegenschaft und sichtbare Leitungsstücke im Keller oder im Kontrollschacht. Sicher ist erst das Kamerabild: Steinzeug erkennt man an der glasierten, oft bräunlichen Oberfläche und den kurzen Rohrlängen, Beton an der grauen, körnigen Wand, Kunststoff an der glatten, gleichmässigen Oberfläche.
Bevor die Kamera fährt, wird die Leitung mit Hochdruck gereinigt – bei Karo chemiefrei und mit bis zu 200 bar. Bei spröden oder vorgeschädigten Rohren wie Steinzeug mit Scherbenbildung oder ausgewaschenem Asbestzement werden Druck und Düse angepasst, damit die Reinigung den Schaden nicht vergrössert. Das Protokoll hält Material, Nennweite, Länge und jeden Befund fest und ist die Grundlage für jede weitere Entscheidung.
Ein typischer Fall im Zürcher Oberland: In einem Einfamilienhaus aus den 1960er-Jahren staut sich das Wasser im Kellerablauf, und im Garten steht seit Jahren eine grosse Birke. Die Hochdruckreinigung löst den Pfropfen, die anschliessende Kamerabefahrung zeigt das ganze Bild: Im Keller liegt eine neuere PE-Leitung, ab der Hauswand folgt eine alte Steinzeug-Grundleitung in DN 150. Drei Muffen sind undicht, durch zwei davon sind Wurzeln eingewachsen, und an einer Stelle ist ein Längsriss zu sehen. Weil das Rohr seine Form noch hält, werden die Wurzeln gefräst und die Steinzeugleitung grabenlos mit einem Schlauchliner saniert. Garten und Birke bleiben unberührt, und die undichten Verbindungen gibt es danach nicht mehr.
