Was ist ein Steinzeugrohr?
Steinzeug ist ein keramischer Werkstoff: Ton und Schamotte werden geformt, getrocknet und bei sehr hohen Temperaturen gebrannt, bis der Scherben dicht zusammensintert. Das Ergebnis ist ein hartes, kaum poröses Material, das weder rostet noch verrottet. Damit Abwasser gut abfliesst und sich weniger Schmutz festsetzt, sind die Rohre innen und aussen meist glasiert – bei alten Leitungen erkennt man das an der glänzenden, bräunlichen Oberfläche.
Im Alltag spricht man auch von Tonrohren oder Steinzeugleitungen. Gemeint ist in der Kanaltechnik immer dasselbe: ein starres, keramisches Rohr für Schmutz- oder Regenwasser, das im freien Gefälle Richtung Kanalisation führt. Heute regelt die Norm SN EN 295 Anforderungen und Prüfungen für Steinzeugrohre und ihre Verbindungen in Abwasserleitungen und -kanälen.
Steinzeug ist kein Material von gestern. Moderne Steinzeugrohre mit werkseitig montierten Dichtungen werden weiterhin für Kanäle eingesetzt, vor allem dort, wo das Abwasser chemisch aggressiv ist. Wer von «alten Steinzeugrohren» spricht, meint deshalb in erster Linie die Verbindungstechnik von damals – nicht den Werkstoff an sich.
Eigenschaften: Was Steinzeug gut kann – und was nicht
Die grösste Stärke von Steinzeug ist seine Beständigkeit. Säuren, Laugen und die meisten Chemikalien, die in häuslichem oder gewerblichem Abwasser vorkommen, greifen die glasierte Oberfläche kaum an. Auch Abrieb durch Sand und Kies, der mit dem Regenwasser in die Leitung gelangt, hinterlässt wenig Spuren. Anders als Beton leidet Steinzeug kaum unter Korrosion durch Schwefelverbindungen aus dem Abwasser.
Die Kehrseite ist die Sprödigkeit. Steinzeug ist sehr druckfest, aber nicht elastisch. Gibt das Bettungsmaterial nach, senkt sich der Boden oder wirkt eine zu hohe Last von oben, kann sich das Rohr nicht verformen – es reisst oder bricht. Auch Erschütterungen durch Bauarbeiten, schwere Fahrzeuge über einer flach liegenden Leitung oder Wurzeln, die einen bestehenden Riss aufweiten, setzen dem Material zu.
Hinzu kommt die Bauform: Ältere Steinzeugrohre haben kurze Baulängen. Eine Leitung besteht deshalb aus vielen einzelnen Rohrstücken und entsprechend vielen Muffen. Jede dieser Verbindungen ist eine mögliche Schwachstelle, an der sich das Rohr verschieben, undicht werden oder Wurzeln durchlassen kann.
Verbreitung in älteren Liegenschaften
In Schweizer Liegenschaften, die vor etwa 1970 gebaut wurden, liegen im Erdreich häufig Grundleitungen und Hausanschlüsse aus Steinzeug, oft neben Beton- oder Asbestzementrohren. Im Gebäude selbst finden sich in solchen Häusern eher Gussrohre. Später setzten sich zunehmend Kunststoffrohre durch, Steinzeug blieb aber vor allem für Grund- und Kanalleitungen im Einsatz.
Viele Häuser wurden seither umgebaut, aufgestockt oder teilweise saniert. Deshalb liegen in einer Leitung oft mehrere Materialien hintereinander: Im Keller ein neues Kunststoffrohr, das an der Hauswand in eine alte Steinzeug-Grundleitung übergeht, und dahinter vielleicht ein Hausanschluss aus Beton. Die Übergänge zwischen den Materialien sind ebenfalls typische Schadensstellen.
Ob Steinzeug im Boden liegt, lässt sich von aussen nicht sicher sagen. Alte Entwässerungspläne geben Hinweise, sind aber oft unvollständig. Gewissheit bringt eine Kanal-TV-Inspektion: Das Kamerabild zeigt das Rohrmaterial, die Nennweite und die Abstände der Muffen, und das Protokoll hält das Material für jeden Abschnitt fest.
Typische Schadensbilder im Kanal-TV
Der häufigste Befund bei alten Steinzeugleitungen ist der Muffenversatz. Früher wurden die Rohre mit Teerstrick und Mörtel ineinandergesteckt und verfugt. Diese Dichtungen verspröden mit den Jahrzehnten, die Rohrstücke senken oder verschieben sich gegeneinander, und an der Stossstelle entsteht eine Kante. An ihr bleiben Papier, Fett und Feststoffe hängen, die Leitung verstopft wiederholt an derselben Stelle.
Durch undichte Muffen dringen feine Wurzeln ein. Sie suchen Feuchtigkeit und Nährstoffe, wachsen im Rohr zu dichten Zöpfen heran und sprengen die Verbindung mit der Zeit weiter auf. Wurzeleinwuchs ist deshalb bei Steinzeugleitungen in Gärten mit Bäumen und Sträuchern besonders verbreitet.
Wegen der Sprödigkeit zeigen alte Steinzeugrohre ausserdem Längs- und Querrisse. Laufen mehrere Risse zusammen, zerfällt die Rohrwand in einzelne Bruchstücke – man spricht von Scherbenbildung. Die Scherben halten oft nur noch durch den umgebenden Boden zusammen; im schlimmsten Fall bricht das Rohr ein. Weitere Befunde sind abgeplatzte Glasur, Inkrustationen, undichte oder schlecht eingebundene Seitenanschlüsse und eindringendes Grundwasser als Fremdwasser.
Bei der Kanal-TV-Inspektion werden diese Schäden nach SN EN 13508-2 kodiert und mit Lage und Ausmass dokumentiert. So entsteht ein Protokoll, das zeigt, ob nur einzelne Stellen schadhaft sind oder die ganze Leitung ihr Lebensende erreicht hat. Diese Unterscheidung ist die Grundlage für jede Sanierungsentscheidung.
Reinigung von Steinzeugleitungen
Steinzeugrohre lassen sich gut reinigen, solange man die Technik an den Zustand anpasst. Die chemiefreie Hochdruckspülung löst Ablagerungen, Fett und Sand, ohne die glasierte Oberfläche anzugreifen. Bei intakten Leitungen kann mit kräftigem Druck gearbeitet werden; Karo setzt Hochdruck bis 200 bar ein, wählt Druck und Düse aber nach Rohr und Befund.
Vorsicht ist bei Leitungen geboten, die bereits Risse oder Scherben zeigen. Ein zu harter Wasserstrahl oder eine Kettenschleuder kann lose Bruchstücke herauslösen und den Schaden vergrössern. Deshalb gehört bei älteren Steinzeugleitungen eine Kamerabefahrung vor oder direkt nach der Reinigung dazu. Eingewachsene Wurzeln werden mit dem Fräsroboter entfernt – das schafft freien Querschnitt, beseitigt aber nicht die undichte Muffe, durch die sie gekommen sind.
Sanierung: Inliner und Kurzliner statt Aufgraben
Für die meisten Schäden an Steinzeugleitungen ist die grabenlose Sanierung die erste Wahl. Beim Schlauchliner, auch Kanal-Inliner genannt, wird ein harzgetränkter Schlauch ins gereinigte Altrohr eingezogen, an die Rohrwand gepresst und ausgehärtet. Es entsteht ein neues, fugenloses Rohr im alten. Die vielen Muffen, die Schwachstelle des Steinzeugs, sind damit auf der ganzen Länge überbrückt, und Wurzeln finden keinen Weg mehr hinein.
Sind nur einzelne Stellen schadhaft – etwa eine versetzte Muffe oder ein lokaler Riss –, genügt oft ein Kurzliner, auch Pointliner genannt. Er wird genau an der Schadstelle gesetzt und dichtet diese auf kurzer Länge ab. Das ist in der Regel schneller und günstiger als ein Liner über die ganze Haltung. Seitliche Anschlüsse werden nach dem Linern mit dem Fräsroboter wieder geöffnet und bei Bedarf mit einem Hutprofil eingebunden.
Voraussetzung für beide Verfahren ist, dass das Altrohr seine Form noch hält und den Liner tragen kann. Auch Scherbenbildung lässt sich unter Umständen noch linern, solange die Scherben in ihrer Lage bleiben und der Querschnitt erhalten ist. Karo gewährt auf Sanierungen bis zu 10 Jahre Garantie. Nach der Sanierung dokumentiert eine erneute Kamerabefahrung die Ausführung; ob die Leitung dicht ist, belegt bei Bedarf eine Dichtheitsprüfung nach SN EN 1610.
Wann ein Ersatz nötig ist
Nicht jede Steinzeugleitung lässt sich grabenlos retten. Ist das Rohr eingebrochen, fehlen Teile der Rohrwand oder ist der Querschnitt so stark verformt, dass kein Liner mehr anliegt, muss der Abschnitt ersetzt werden. Dasselbe gilt, wenn das Gefälle nicht mehr stimmt: Hat sich die Leitung in eine Senke gelegt, bleibt dort Wasser stehen, und ein Liner würde die Senke nur nachbilden.
Für den Ersatz gibt es zwei Wege. In offener Bauweise wird die Leitung freigelegt und das alte Rohr durch ein neues ersetzt – sinnvoll bei kurzen Abschnitten, bei falschem Gefälle oder wenn ohnehin gegraben wird, etwa bei einer neuen Zufahrt. Beim Berstlining wird das spröde Steinzeug im Boden zerbrochen und gleichzeitig ein neues Rohr nachgezogen; dafür sind nur Start- und Zielgruben nötig.
Welcher Weg passt, entscheidet das Kamerabild zusammen mit den Platzverhältnissen, der Lage der Leitung und den Vorgaben der Gemeinde. In vielen Fällen ist eine Kombination sinnvoll: Der eingebrochene Abschnitt wird ersetzt, der Rest der Steinzeugleitung grabenlos saniert.
Ein typischer Fall aus dem Einzugsgebiet: In einem Mehrfamilienhaus aus den 1950er-Jahren im Raum Zürich staut sich der Kellerablauf alle paar Monate. Die Spülung löst das Problem jeweils nur für kurze Zeit. Die Kanal-TV-Inspektion zeigt eine Grundleitung aus Steinzeug mit mehreren versetzten Muffen, Wurzeleinwuchs an zwei Stellen und einem Abschnitt mit Längsrissen vor dem Hausanschluss. Die Wurzeln werden gefräst, die Leitung gereinigt und auf ganzer Länge mit einem Schlauchliner saniert. Damit sind alle Muffen überbrückt, ohne den Garten aufzugraben. Die Schlussbefahrung dokumentiert den sanierten Zustand für die Eigentümerschaft und die Verwaltung.
