Was ist eine Abwasserleitung?
Eine Abwasserleitung ist jedes Rohr, durch das gebrauchtes Wasser oder Niederschlagswasser aus einem Gebäude abgeleitet wird. Dazu gehören das kurze Rohr unter dem Lavabo genauso wie die senkrechte Leitung im Installationsschacht, die liegende Leitung unter der Kellerdecke und das erdverlegte Rohr, das schliesslich in den Gemeindekanal mündet. Zusammen bilden diese Leitungen die Liegenschaftsentwässerung.
Fast alle Abwasserleitungen im Haus arbeiten als Freispiegelleitungen: Das Wasser fliesst ohne Pumpe, nur durch die Schwerkraft, und füllt das Rohr dabei nicht vollständig. Daraus ergeben sich die drei Grundregeln jeder Abwasserinstallation: Liegende Leitungen brauchen ein durchgehendes Gefälle, senkrechte Leitungen brauchen Luft, damit kein Unterdruck entsteht, und jede Leitung muss für Reinigung und Kontrolle erreichbar bleiben. Nur wo Räume tiefer liegen als der öffentliche Kanal, hebt eine Hebeanlage das Abwasser über eine Druckleitung an.
Dieser Beitrag erklärt die Leitungsarten und ihre Funktion. Um welche Rohrwerkstoffe es sich handelt – Guss, Steinzeug, Faserzement oder Kunststoff –, beschreibt der Glossarbegriff Kanalrohr.
Die Leitungsarten im Haus nach SN 592 000
In der Schweiz regelt die Norm SN 592 000 «Anlagen für die Liegenschaftsentwässerung» von VSA und suissetec, wie Abwasserleitungen geplant und ausgeführt werden. Für die Leitungen innerhalb von Gebäuden ergänzt die europäische Normenreihe SN EN 12056 die Vorgaben. Beide unterscheiden die Leitungen nach ihrer Lage und Aufgabe. Verfolgt man einen Tropfen vom Lavabo bis zur Strasse, durchläuft er typischerweise fünf Abschnitte.
Die Anschlussleitung, oft auch Einzelanschlussleitung genannt, verbindet einen Entwässerungsgegenstand wie Lavabo, Dusche, WC, Spültisch oder Waschmaschine mit der nächsten grösseren Leitung. Direkt am Apparat sitzt der Geruchsverschluss. Anschlussleitungen sind kurz, haben den kleinsten Durchmesser im System und verstopfen deshalb am häufigsten – meist durch Haare, Seife oder Küchenfett. Fassen mehrere Apparate in einem Bad zusammen in ein Rohr, spricht man von einer Sammelanschlussleitung.
Die Fallleitung, im Alltag Fallstrang genannt, führt das Abwasser senkrecht durch die Stockwerke nach unten. Auf jeder Etage münden die Anschlussleitungen ein. Nach oben wird die Fallleitung als Lüftungsleitung über das Dach verlängert.
Die Sammelleitung ist eine liegende Leitung innerhalb des Gebäudes, die mehrere Fallleitungen aufnimmt. Sie hängt typischerweise an der Kellerdecke oder unter der Decke einer Tiefgarage und ist darum sichtbar und gut zugänglich. Die Grundleitung dagegen liegt im Erdreich oder unter der Bodenplatte und ist nur über Schächte und Reinigungsöffnungen erreichbar. Den Abschluss bildet der Hausanschluss, also die Leitung vom letzten Kontrollschacht auf dem Grundstück bis zum öffentlichen Kanal.
Achtung bei den Begriffen: Das Wort «Anschlussleitung» wird in der Praxis für zwei verschiedene Dinge verwendet – für das kurze Rohr am Apparat und für die Leitung vom Grundstück zum Gemeindekanal. Wer einen Schaden meldet, beschreibt darum am besten, wo die Leitung liegt.
Schmutzwasser- und Meteorwasserleitungen
Neben der Lage unterscheidet man Abwasserleitungen nach dem, was sie transportieren. Schmutzwasserleitungen führen das Abwasser aus Küche, Bad, WC und Waschküche. Es muss zur Abwasserreinigungsanlage gelangen und darf weder versickern noch in ein Gewässer fliessen. Meteorwasserleitungen führen Regenwasser von Dach, Balkon, Platz und Zufahrt ab.
Ob beide Wasserarten getrennt fliessen, hängt vom Entwässerungssystem der Gemeinde ab. Im Mischsystem fliessen Schmutz- und Meteorwasser im selben öffentlichen Kanal zur Kläranlage. Im Trennsystem gibt es zwei Kanäle, und auch auf dem Grundstück müssen die Leitungen getrennt geführt werden. Nicht verschmutztes Meteorwasser soll nach dem Gewässerschutzgesetz wenn möglich versickert werden. Welche Lösung für eine Liegenschaft gilt, legen der generelle Entwässerungsplan und das Abwasserreglement der Gemeinde fest.
Ein häufiger Fehler bei älteren Bauten und Umbauten sind Fehlanschlüsse: Ein Dachwasserrohr hängt an der Schmutzwasserleitung oder ein Waschmaschinenablauf an der Meteorwasserleitung. Im ersten Fall wird die Kläranlage mit sauberem Wasser belastet, im zweiten gelangt Schmutzwasser in einen Bach. Solche Fehler lassen sich mit Kamera, Nebel oder Farbstoff nachweisen.
Gefälle: warum jede liegende Leitung geneigt sein muss
Weil das Abwasser nur durch die Schwerkraft fliesst, muss jede liegende Leitung – Anschlussleitung, Sammelleitung und Grundleitung – vom Apparat bis zum Kanal durchgehend leicht abfallen. Nur dann ist das Wasser schnell genug, um Feststoffe wie Papier, Speisereste und Sand mitzunehmen. Die Mindestwerte je nach Leitungsart und Durchmesser legt die SN 592 000 fest; Planer und Sanitärinstallateure richten sich danach.
Typisch für zu wenig Gefälle ist die Küche: Die Anschlussleitung des Spültischs ist oft lang und waagrecht unter dem Unterbau geführt. Fett kühlt darin ab, setzt sich an der Rohrwand fest und bindet Speisereste. Kommt es immer wieder an derselben Stelle zu einer Verstopfung, steckt häufig ein fehlendes Gefälle oder eine Senke dahinter. Bei Grundleitungen entstehen solche Senken nachträglich, wenn sich der Boden unter dem Rohr setzt. Eine Kamerabefahrung mit Neigungsmessung zeigt, wo das Wasser stehen bleibt.
Lüftung: ohne Luft kein sauberer Abfluss
Fällt Wasser durch eine Fallleitung, schiebt es Luft vor sich her und zieht hinter sich einen Unterdruck. Damit dieser Druckunterschied nicht das Sperrwasser aus den Siphons in den Wohnungen saugt, wird die Fallleitung als Lüftungsleitung über das Dach weitergeführt. Durch sie strömt Luft nach, und gleichzeitig entweichen die Kanalgase über Dach statt in die Wohnung.
Fehlt die Lüftung, ist sie zu klein dimensioniert oder durch ein Vogelnest oder Laub verstopft, zeigen sich typische Anzeichen: Abflüsse gurgeln, wenn andernorts im Haus Wasser abläuft, der Wasserspiegel im WC schwankt, und in Bad oder Küche riecht es nach Kanal. Belüftungsventile können die Lüftung in bestimmten Fällen ergänzen. Ob und wo sie zulässig sind, legt die Norm fest; eine Hauptlüftung über Dach ersetzen sie in der Regel nicht.
Typische Probleme in Abwasserleitungen
Welche Störung auftritt, hängt stark von der Leitungsart ab. In Anschlussleitungen sind es fast immer Verstopfungen durch Haare, Seifenreste, Fett, Kalk oder Fremdkörper. In Fallleitungen sammeln sich Ablagerungen im unteren Bogen, wo das Wasser in die Sammel- oder Grundleitung umgelenkt und abgebremst wird. Steht das Wasser im Erdgeschoss zurück, während es oben noch abläuft, liegt der Pfropfen meist dort.
In Grundleitungen kommen bauliche Schäden hinzu: Wurzeln dringen durch undichte Muffen ein, Rohrstösse verschieben sich, Risse und Scherben entstehen durch Setzungen oder Verkehrslasten, und bei älteren Leitungen verengen Inkrustationen den Querschnitt. Undichte Grundleitungen lassen Abwasser ins Erdreich austreten oder Grundwasser als Fremdwasser eindringen.
Warnzeichen für ein Problem in einer Abwasserleitung sind langsamer Abfluss an mehreren Stellen gleichzeitig, Gurgeln, Kanalgeruch, Wasser, das im Keller aus dem Bodenablauf drückt, sowie Feuchteflecken an Wänden oder Decken. Betrifft das Problem nur einen einzelnen Apparat, liegt die Ursache meist in dessen Anschlussleitung; sind mehrere Etagen oder das ganze Haus betroffen, eher in der Fall-, Sammel- oder Grundleitung.
Reinigung und Kamera-Inspektion von Abwasserleitungen
Für die Reinigung gibt es kein Verfahren für alle Leitungen. Kurze Anschlussleitungen mit kleinem Durchmesser reinigt man mechanisch mit der Rohrreinigungsspirale, die den Pfropfen löst oder herauszieht. Fall-, Sammel- und Grundleitungen werden mit Hochdruck gespült: Eine Spüldüse zieht sich mit rückwärts gerichteten Wasserstrahlen durch das Rohr und löst Fett, Schlamm und Sand von der Rohrwand. Karo arbeitet dabei chemiefrei mit bis zu 200 bar. Wurzeln und harte Inkrustationen trägt ein Fräskopf ab.
Angesetzt wird an Reinigungsöffnungen, an Kontrollschächten oder an der Dachentlüftung. Nach der Reinigung zeigt eine Kanal-TV-Inspektion, ob die Leitung wirklich frei ist und ob Schäden wie Risse, Versätze oder Senken vorliegen. Die Befunde werden nach SN EN 13508-2 kodiert und in einem Protokoll mit Bildern festgehalten. Diese Dokumentation ist die Grundlage für die Entscheidung, ob eine Leitung nur gereinigt oder grabenlos saniert werden muss.
Was kostet das Spülen einer Abwasserleitung? Bei Karo gilt ein Stundenansatz von CHF 160 plus CHF 60 Anfahrtspauschale, exklusive MwSt. Ein Einsatz im Einfamilienhaus kostet meist CHF 150 bis 400. Für eine Kanal-TV-Kontrolle kommt ein Zuschlag ab CHF 50 dazu. Massgebend sind Zugänglichkeit, Leitungslänge und die Art der Verstopfung.
Unterhalt: so bleiben Abwasserleitungen funktionstüchtig
Der beste Schutz beginnt am Abfluss: Fett, Essensreste, Feuchttücher, Hygieneartikel und Katzenstreu gehören nicht in die Leitung. Ein Sieb im Duschablauf hält Haare zurück. Siphons von selten genutzten Abläufen, etwa im Gästebad oder im Keller, sollte man regelmässig mit Wasser auffüllen, damit kein Kanalgeruch austritt.
Für die Leitungen selbst lohnt sich eine vorbeugende Spülung in Abständen, die sich nach der Nutzung richten: In Mehrfamilienhäusern und Gewerbeliegenschaften mit Küchen ist sie deutlich häufiger nötig als im Einfamilienhaus. Bei Eigentümerwechsel, vor einer Umgebungsgestaltung oder bei wiederkehrenden Verstopfungen ist eine Kamerabefahrung sinnvoll. Wichtig ist auch, dass Kontrollschächte und Reinigungsöffnungen zugänglich bleiben und nicht unter Pflästerung, Rasen oder Verkleidungen verschwinden – sonst wird jeder Einsatz länger und teurer.
Ein typischer Fall aus dem Raum Zürich: In einem Mehrfamilienhaus läuft das Wasser in den Erdgeschosswohnungen nur noch langsam ab, in den oberen Stockwerken dagegen normal. Das spricht nicht für ein verstopftes Lavabo, sondern für ein Hindernis tiefer im System. Das Team setzt an der Reinigungsöffnung der Sammelleitung an der Decke der Tiefgarage an und spült die Leitung mit Hochdruck. Gelöst werden Fettablagerungen aus den Küchenleitungen, die sich am Übergang von der Fallleitung in die liegende Sammelleitung festgesetzt haben. Die anschliessende Kamerabefahrung bis zum Kontrollschacht zeigt, dass die Leitung wieder frei und unbeschädigt ist. Die Verwaltung erhält das Protokoll mit Bildern und eine Empfehlung für eine vorbeugende Spülung.
